Stilregel für Online-Texte: Verneinungen vermeiden

Verneinungen vermeiden: Das bringt mehr Klarheit – meistens!

Nein. Das ist ein vollständiger Satz und den finde ich super so. Bei “nicht” und “kein” in Online-Texten sieht das etwas anders aus: Denn Vermeide Verneinungen gehört schon lange zu den goldenen Regeln des Schreibens.

Warum das so ist, wie du Verneinungen klarer formulierst und ob es Ausnahmen gibt – das erfährst du nun. 

Das Warum hinter der Stilregel

Neulich war ich seit langem Mal wieder im Kino (wie aufregend!). Nach dem Film hing ich noch meinen Gedanken nach. Meine Begleitung fragte: “Hat dir der Film nicht gefallen?” Meine Antwort: “Ja. Ich mochte das weiche Licht so gerne! Und die Dialoge, weil ich das Gefühl hatte, den Charakteren richtig nah zu kommen.” “Hä? Also gefällt dir der Film?” Das Negationswort nicht sorgte für Verwirrung: Ich hatte nur “Hat dir der Film gefallen?” gehört und deswegen mit Ja geantwortet. Wenn ich die Verneinung wahrgenommen hätte, hätte ich den Satz mit Nein begonnen. Aber ein Lob mit Nein zu starten … das klingt verquer. 

Puuh! Mir raucht schon beim Aufschreiben der Kopf! Komplizierte Rede, kurzer Sinn: Was mir nach dem Kino passiert ist, geschieht auch bei Online-Texten. Enthält der Text Verneinungen, denkt die Leserschaft ständig nach, was nun gemeint ist. Sie hat Mühe, die tatsächliche Aussage zu entschlüsseln. 

Verneinungen sind wie viele kleine Steinchen, die auf einer Eisbahn liegen: Der Leser will locker über den Text gleiten. Um nicht hinzufallen (!) muss er den Steinchen ausweichen. Das heißt: Die Runde dauert länger und kostet ihn mehr Energie. Verneinungen sind also schwerer zu verstehen. Das zeigt auch eine Studie von Psychologen der Tufts University: Das Gehirn braucht länger, den Sinn hinter “Vitamine sind nicht unwichtig.” zu verstehen (im Vergleich zu “Vitamine sind wichtig.”).

Sätze sind Formeln

Noch deutlicher wird das, wenn du dir vorstellst, dass ein Satz eine Formel ist:

Eine längere Formel mit zusätzlichen Zeichen heißt: Du brauchst länger, um auf die Lösung zu kommen.

Eine weitere Situation, die zeigt, dass Verneinungen die Kommunikation schwerer machen: Kindererziehung. Was passiert, wenn du folgendes zu deinem Kind sagst?

“Male mit den neuen Buntstiften bitte nicht die Tapete an.” 

Das Negationswort ist kompliziert und taucht erst spät im Satz auf. Bevor das Kind den Satz erfasst hat, ploppt das Bild einer bunten Tapete auf: Wow! Tolle Idee! Probiere ich direkt mal aus. Dieses Bild (= diese Idee) wolltest du aber vermeiden. Einfacher ginge es etwa so: “Male mit den Buntstiften bitte nur auf dem Zeichenblock.” (Ob die Tapete tatsächlich weiß bleibt, ist ein anderes Thema …)

Was das für die Praxis heißt: 

Verneinungen vermeiden wirkt positiv

Möglichst verständliche Online-Texte schreiben: Das gebietet schon die Höflichkeit. Denn das passiert, wenn du Verneinungen weglässt: 

  • Du kannst dir sicherer sein, dass deine Sätze so ankommen, wie du sie gemeint hast. 
  • Deiner Leserschaft fällt es leichter, deine Texte zu verstehen.
  • Positive Formulierungen wirken stärker und selbstbewusster.
  • Es liegen weniger Steinchen auf der Eislaufbahn: Es flutscht besser! Und das macht mehr Freude. 

Achte beim Schreiben und überarbeiten der Texte also auf Negationswörter wie “nicht” oder “keine”. Ersetze sie mit einfachen, positiven Wörtern. 

Weiterlesen: Blogartikel überarbeiten und Feinschliff verpassen

Beispiele für positive Formulierungen

NegativPositiv
nicht überforderndeinfach, schaffbar
nicht unwichtigwichtig
unkompliziertsimpel
Kein Problem!Mach ich gerne!
sorgenfreigelassen, unbeschwert
nicht gehenstehen bleiben

Doppelte Verneinung oder Verneinung des Gegenteils: Was ist das? 

Hier wirds für das Gehirn besonders schwer. Doppelte Verneinungen lesen wir oft zweimal, bis wir sie kapieren. 

Zwei Beispiele:

  1. “Nicht unwichtig” ist eine doppelte Verneinung. Beim Lesen brauchen wir einen Moment, um zu verstehen, dass hier etwas wichtig ist. 
  2. “Ich vergesse nicht selten meine Brille.” Hier versteckt sich eine Verneinung des Gegenteils. Einfach gesagt lautet der Satz: “Ich vergesse oft meine Brille.” 

Im Hochdeutschen will die doppelte Verneinung etwas bejahen. Du wirst sie bei Adjektiven oder in Nebensätzen entdecken: “Es ist nicht wahr, dass ich meine Hausaufgaben nicht gemacht habe.”

Die doppelte Verneinung will das Nein meistens nicht bestärken. Die bestärkende Funktion findet man nur noch sehr selten, etwa in Lyrik oder in Dialekten. Im Englischen sieht das anders aus: Da bekräftigt sie das Nein.

Im Hochdeutschen lautet die Formel meist: Nein + Nein = Ja. 

Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Wir setzen Negierungen ein, um etwas Positives auszudrücken. Verwirrung hoch 10!

Wenn du dir Klarheit für deine Texte wünschst: Dann lösch doppelte Verneinungen oder Verneinungen des Gegenteils.

Es gibt Ausnahmen!

Es sei denn, du willst nicht klar schreiben: Verneinungen können feine Abstufungen ausdrücken. Wenn etwas schwammig klingen soll, kannst du “kein” oder “nicht” bewusst einsetzen.

Zum Beispiel bei der Verneinung des Gegenteils: 

  1. “Ich bin kein schlechter Texter.”
  2. “Ich bin ein guter Texter.”

Der erste Satz ist schwerer zu verstehen als der zweite. Aber: Es gibt einen feinen Unterschied zwischen gut und kein schlechter. Wenn du sagen willst, dass du ein okayer Texter bist und brauchbare Texte hinkriegst, dann nutzt du den ersten Satz. Der zweite Satz sagt nämlich selbstbewusst “Ich bin gut. Punkt.”.

Hier wächst das Steinchen zum Stilmittel. Genauer Litotes: die Redefigur der doppelten Verneinung oder Verneinung des Gegenteils. Du kannst damit etwas vorsichtig ausdrücken oder eine Aussage abschwächen. Die Litotes kannst du auch für ironische Kommentare nutzen. 

Ein letztes Beispiel: “Ich bin nicht unglücklich.”

Der Sprecher ist hier nicht eindeutig: Es kann sein, dass er sich kompliziert ausdrückt. Vielleicht ist er tatsächlich glücklich. Es kann aber auch sein, dass er seine Botschaft bewusst abschwächt. Im Sinne von: “Ich bin nicht unglücklich, aber auch nicht glücklich.”

Kurz zusammengefasst

Vom kleinen Negationswort bis zur Litotes: Verneinungen machen Texte kompliziert. Dir sind klare Aussagen, Verständlichkeit und Lesbarkeit wichtig? Dann lösche Verneinungen.

Wenn du Verneinungen als Stilmittel einsetzen willst: Mach das. Hinterfrage aber: Ist die ironische oder abgeschwächte Ebene wichtig und erkennbar? 

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Headerbild: Photo by Kelli McClintock on Unsplash